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Samstag, 11. Juni 2016

Die Gente #3


Deutsch

Das Wort Gente ist ei­ne Verschmelzung von Gans und En­te, also weder ein Resul­tat von Flexi­on (Beugung) noch von Derivati­on (Ab­lei­tung) noch von Kompositi­on (Zu­sammensetzung), sondern ein gänzlich neues Le­xem. Im Eng­li­schen können wir ei­ne einfa­che Ent­spre­chung bilden, indem wir goose und duck zu guck zu­sammen­zie­hen[1], was ein mittlerweile bei uns(eren aus­ländi­schen Studen­ten) eta­bliertes Wort ist. – Wie sieht das ganze aber in ei­ner Spra­che aus, die statt Buchsta­ben Logogramme benutzt? Im Chinesi­schen gibt es ein Zei­chen für Gans und ei­nes für En­te: 雁 yàn und 鸭 . Die­se können wir jedoch nicht einfach hin­ter­ein­anderschrei­ben, denn 雁鸭 yànyā bedeu­te­te Gans­ente und eben nicht Gente; außerdem ginge die Humorösität der neo­logisti­schen Wortkreati­on verloren.
In der folgen­den Ta­bel­le sind die Ebe­nen der Wortbildung in Alphabet- und in Zei­chen­spra­chen gegenüberge­stellt:[2]

1.BuchstabeKomponente
2.MorphemZeichen
3.WortWort

Mein Spitz­na­me wird z. B. folgendermaßen auf­ge­baut:[3]

bzw.
Er­stellt mit dem Syntax Tree Ge­ne­ra­tor
Copyright (C) 2011 by Miles Shang.

Wol­len wir also ei­ne chinesi­sche Ent­spre­chung für das Wort Gente, so müs­sen wir be­reits auf der un­ters­ten Wortbildungs­ebe­ne tätig wer­den. Im Deut­schen wur­den sowohl Buchsta­ben von Gans als auch von En­te verwendet, um ein neues Morphem zu kre­ie­ren, also müs­sen im Chinesi­schen sowohl Komponen­ten von 雁 yàn als auch von 鸭 verwendet wer­den, um ein neues Zei­chen zu kre­ie­ren. (Ganz recht, wir wol­len ein neues Zei­chen einfüh­ren; das kommt im Chinesi­schen nicht häufig, aber bisweilen für Neo­logismen vor.[4]) Mein Vorschlag ist folgen­der:

GansEnteGente

chǎng kommt von der Gans und 甲 jiǎ von der En­te. Der Sinn­trä­ger 鸟 niǎo (Vogel) wird von bei­den Zei­chen ge­teilt. Beziehungs­weise wurde er das: Die älte­ren Vari­an­ten von 雁 und 鸭 sind 鳫 und 鴨. Hier sieht man das 鳥 niǎo in bei­den Zei­chen, was die älte­re Vari­ante von 鸟 niǎo ist.[5] Als Aus­spra­che für ⿸厂鸭[6] schla­ge ich oder yān vor.
Und das war’s auch schon! Wir ha­ben ein chinesi­sches Zei­chen für Gente kre­iert. – Quak!

Spaßfakt:niǎo (Vogel) ist in der chinesi­schen Umgangs­spra­che auch ein Verb. Es bedeu­tet aber nicht vögeln, sondern beach­ten: 我不鸟你! Wǒ bù niǎo nǐ! (Ich beach­te dich nicht!)
[1]Beleg z. B. dort: Hybrid Cross Between a Duck and a Goose: Do Gucks Exist?, eben­falls für ei­ne Nilgans.
[2]Man kann si­cher dar­über diskutie­ren, ob als 0. Stufe Phoneme bzw. Phono-Se­mantika auf­tau­chen soll­ten, aber das ist für die weite­re Be­trach­tung nicht so irre relevant, sondern irrelevant.
[3]Im Ge­gen­satz zum Deut­schen, wo die Buchsta­ben die kleinste Einheit dar­stel­len, las­sen sich die Komponen­ten im Chinesi­schen rekursiv weiterzer­legen. Allerdings ist für ein be­trach­tetes Zei­chen (meis­tens) nur die 1. Zer­legung von Belang.
[4]s. hier und hier
[5]In 雁 sieht man heu­te das Ra­dikal 隹 zhuī, wel­ches eben­falls Vogel bedeu­tet.
[6]Chinesi­sche Nichtunicodezei­chen müs­sen so wie ⿸厂鸭 dar­ge­stellt wer­den. Mein Lieb­ling in die­ser Hinsicht ist ⿺辶⿳穴⿲月⿱⿲幺言幺⿲长马长刂心 biáng, ein Zei­chen mit 41 Stri­chen, s. hier.

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