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Samstag, 21. Mai 2016

Schpaw


Deutsch

S.: Schrödinger
P.: Pawlow

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(Ein fensterloser Raum. Von der Decke hängt eine schwache Lampe, in der Mitte steht ein Tisch, an welchem zwei Männer sitzen und sich unterhalten.)

S.: „Immerhin ist meine Katze zu etwas Nütze, während Ihr Hund hier nur faul herumliegt.“

(Das Licht geht aus.)

P.: „Manchmal glaube ich, dass Ihre Katze gar nicht da ist.“

S.: „Ach, was?“

P.: „Leider überkommt mich dieses Gefühl immer genau dann, wenn das Licht ausgegangen ist, und dann kann ich ja nicht nachschauen, ob die Katze noch da ist.“

(Das Licht geht wieder an.)

S.: „Immerhin wissen wir, dass die Katze da ist, wenn das Licht brennt. Apropos: Würden Sie mir bitte das Glas reichen? Ich denke, dass der Generator wieder geschmiert werden muss.“

(P. reicht S. ein Marmeladenglas.)

S.: „Und den Löffel bitte.“

P.: „Ha! Nie im Leben werde ich den Löffel abgeben.“

(S. verleiert die Augen, greift sich ein Messer und geht zur rechten Seite des Raumes, wo der Generator steht. Während er hantiert, schaut ihm P. nachdenklich zu.)

S.: „Was ist?“

P.: „Ich habe ein Theorie.“

S.: „Eine Theorie wozu? So lassen Sie sich doch nicht alles aus der Nase ziehen!“

P.: „Ich glaube, wir sind ein Algorithmus.“

(S., der sich inzwischen eine Spritzschutzmaske aufgesetzt hat und gerade frische Marmelade aufträgt, hält kurz inne.)

S.: „Wie kommen Sie denn darauf?“

P.: „Ich –“

(In diesem Moment ertönen vor der Tür Schritte. P.s Hund fängt an, zu sabbern, und läuft zur Tür.)

P.: „Passen Sie auf, es ist wieder so weit.“

(S. setzt sich wieder an den Tisch. Jemand schiebt etwas durch den Briefschlitz. Der Hund nimmt es und bringt es zu seinem Herrchen. P. seufzt, befüllt den Hundenapf und öffnet den Brief.)

P.: „Wieder nur Buchstabensalat. Sehen Sie?“

(Das Licht geht aus.)

S.: „Nein.“

(Das Licht geht wieder an. S. hat einen Hut auf und P. ist verschwunden. Stattdessen liegt auf dem Tisch ein Käfer.)

S.: „Diese Kafka-Nummer beeindruckt mich nicht im Geringsten!“

(Der Käfer schafft es, sich umzudrehen und will davonkrabbeln. S. nimmt seinen neuen Hut und stülpt ihn über den Käfer. Das Licht geht aus.)

P.: „Natürlich nicht, das Licht ist ja wieder mal aus.“

(Das Licht geht wieder an. Hut und Käfer sind verschwunden.)

S.: „Eigentlich hat mir der Hut recht gut gefallen ...“

P.: „Was sagten Sie?“

S.: „Ich sagte, dass mir der Hut eigentlich recht gut gefallen habe.“

P.: „Und ich dachte schon, ich hätte was an den Ohren. Welchen Hut meinen Sie?“

S.: „Den Hut, der eben noch hier auf dem Tisch lag. Mit Ihnen darunter!“

P.: „Das muss aber ein großer Hut gewesen sein. Wie sollte ich sonst darunter passen?“

S.: „Der Hut war normalgroß, nur waren Sie ein Käfer.“

P.: „Das Morphium bekommt Ihnen wohl nicht.“

S.: „Was sagten Sie?“

P.: „Ich sagte, das Morphium bekomme –“

S.: „Morphium? Welches Morphium?“

P.: „Das Morphium, das ich auch meinem Hunde ins Futter mische.“

S.: „Und das haben Sie mir verabreicht? Sind Sie des Teufels!“

P.: „Nein, nein. Mein Hund muss Sie wohl gebissen und Ihnen dabei über die Essensreste zwischen seinen Zähnen das Morphium injiziert haben. Schauen Sie mal ihr linkes Bein an, Sie haben da eine ordentliche Bisswunde.“

S.: „Das sagen Sie mir jetzt? Sehen Sie doch, wie das blutet!“

P.: „Ich hielt es bis gerade eben für Marmeladenflecken ...“

(P. zieht sein Jackett aus und verbindet damit notdürftig S.s Bein. S. legt seine Beine hoch auf den Tisch. P. nimmt sich den Brief und ein Buch und beginnt, ein Blatt Papier zu beschreiben.)

S.: „Verstehen Sie etwas davon?“

P.: „Nichts.“

S.: „Zeigen Sie mal her.“

P.: „Bitte sehr. Ich bin sowieso fertig.“

S.: „Nach welchem Muster haben Sie die Zeichen umgestellt?“

P.: „Ich erkenne selbst keines; ich habe mich strikt an die Anweisungen im Buche gehalten.“

S.: „Na gut. Dann geben Sie’s eben zurück.“

(P. steht auf, geht zur Tür und schiebt das beschriebene Blatt durch den Briefschlitz. Er rüttelt kurz an der Tür, aber sie ist verschlossen.)

P.: „Ich glaube immer noch, dass wir ein Algorithmus sind. Wir bekommen ständig diese kryptischen Botschaften und haben nur ein Buch, um sie in andere kryptische Botschaften umzuschreiben, die wir dann zurückgeben können.“

(P. hat sich wieder gesetzt.)

S.: „Darüber habe ich ja noch gar nicht nachgedacht. Ja, um Himmels Willen, vielleicht haben Sie sogar Recht! Aber wie können wir sichergehen?“

(P. sitzt inzwischen wieder am Tische.)

P.: „Ich habe da so eine Idee.“

(Er zeichnet etwas auf ein Blatt Papier und schiebt es S. zu. Abgebildet ist eine Pfeife.)

P.: „Dies ist keine Pfeife.“

(Das Licht geht aus.)

S.: „Natürlich ist das eine Pfeife.“

P.: „Nein, es ist nur das Bild einer –“

(Das Licht geht wieder an. S. hat eine Pfeife im Munde. Das Bild liegt nicht mehr auf dem Tische.)

P.: „Wie haben Sie das gemacht?“

S.: „Was gemacht? ... Wissen Sie, ich denke, dass wir nur der Fantasie irgendeines Schreiberlings entsprungen sind.“

P.: „Sie meinen also, wir beide seien bloß Einbildungen?“

S.: „Wir beide, nur Er in meinem oder nur ich in Seinem Kopfe ...“

(S. erhebt sich und humpelt so um den Tisch herum, dass er schlussendlich mit dem Rücken zu P. steht und zur Wand spricht.)

S.: „Die Existenz einer Einbildung ist an das Wachrufen der Erinnerung an sie gebunden. Vergisst ein Einbildender sein Fantasieobjekt, so verschwindet es gewiss, als ob es nie dagewesen wäre. – Ist etwas überhaupt da, nur weil wir es sehen? Oder ist etwas nicht existent, nur weil wir es gerade nicht wahrnehmen?“

(Das Licht geht aus.)

S.: „Dieser verfriemelte Generator!“

(Man hört es rumpeln.)

S.: „Herrgott!“

(Das Licht geht wieder an. S. hat einen Stuhl umgelaufen und hält sich den Fuß. Seine Pfeife liegt auf dem Boden. P., sein Hund und sein Jackett sind verschwunden. S. bückt sich nach seiner Pfeife, neben der ein Käfer unbemerkt davonkrabbelt, und findet dabei einen Löffel auf dem Boden liegen. Er mustert ihn verwundert und schaut sich im Raume um. Dann schaut er zum Löffel, zur Tür, wieder zum Löffel und wieder zur Tür. Dann läuft er rasch und ohne zu humpeln zur Tür, steckt den Löffel ins Schloss und dreht ihn um. Er schmunzelt, als die Tür entriegelt.)

S.: „Komm, Katze!“

(Das Licht geht aus und im selben Moment stößt S. die Tür auf, wodurch ein heller Lichtschein in den Raum geworfen wird. Man hört die Tippelschritte der Katze und sieht, wie sie über die Türschwelle huscht. S. dreht sich noch einmal um.)

S.: „Zàijiàn!“

(Dann geht auch er und zieht die Tür hinter sich zu. Es ist dunkel.)

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