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Sonntag, 6. Dezember 2015

Count nouns vs. mass nouns


Deutsch

Zuerst einmal muss ich mich wohl für die englische Überschrift über einem deutschen Beitrag rechtfertigen. Auf Deutsch unterscheiden wir in der Regel zwischen zählbaren Substantiven und Stoffnamen. Stoffnamen gefällt mir dabei aber nicht besonders, da nicht alle unzählbaren Substantive auch wirklich einen Stoff bezeichnen. Außerdem wird dabei nicht recht der Kontrast zu den zählbaren Substantiven deutlich. Daher verwende ich in diesem Beitrag die englischen Bezeichnungen count nouns und mass nouns.

In diesem Beitrag soll es nun um die besagten Substantivklassen und ihr Auftauchen in verschiedenen Sprachen gehen. Wir wollen insbesondere betrachten, wie diese Sprachen mit den Substantiven umgehen und ob überhaupt jede Sprache Substantive beider Klassen besitzt.

Die Unterscheidung zwischen count nouns und mass nouns erfolgt auf morpho-syntaktischer Ebene, d. h. es geht nicht um die Bedeutung des Substantivs, sondern um die grammatikalischen Eigenschaften des Wortes und den Satzbau, den es erfordert. Mass nouns haben z. B. keinen Plural und können daher nicht so einfach mit einer Zahl kombiniert und gezählt werden.

Bsp.: Hundzwei Hunde ist möglich, da Hund einen Plural hat und mit einer Zahl kombiniert werden kann. Es ist demnach ein count noun.
Bsp. 2: Gold*zwei Gold ist nicht möglich, da Gold keinen Plural hat und nicht mit einer Zahl kombiniert werden kann. Es ist demnach ein mass noun.

Die Kombination Zahl + mass noun ist also ungrammatisch.[0] Im Deutschen gibt es aber zwei mögliche Kombinationen, mit denen man mass nouns trotzdem zählen kann:
  1. Zahl + Substantiv (+ Präposition) + mass noun
  2. Zahl + Zähleinheitswort + mass noun
Zähleinheitswörter (ZEWs) sind eine eigene Wortart, die im Deutschen zwar von Substantiven abgeleitet sind, jedoch nicht gebeugt werden können. Beispiele dafür sind: Blatt, Bund, Laib, Glas, Mann, Stück, Paar, Sack, Schluck und Schuss sowie diverse Einheiten.[1]

Bsp. zu 1.: zwei Säcke (mit) Gold
Bsp. zu 2.: zwei Sack Gold

In Syntaxbäumen ausgedrückt sieht das Ganzen dann wie folgt aus:

     
Copyright (C) 2011 by Miles Shang <mail@mshang.ca>

Dass die Nominalphrase (NP) in die Klassifikatorphrase (CLP) eingebettet ist und nicht umgekehrt[2], ist ein neuerer Ansatz. Ich beziehe mich auf eine Arbeit von Brian, Hok-Shing und Chan[3], welche das Ganze fürs Chinesische untersuchten. Und Chinesisch ist auch schon ein gutes Stichwort. Denn es gehört wie das Japanische zu den Sprachen, welche ausschließlich mass nouns und keine count nouns besitzen. Das bedeutet ganz recht, dass man für jedes Substantiv, dass man in einer dieser Sprachen zählen möchte, zusätzlich zur Zahl ein ZEW verwenden muss. Bei den Säcken voller Gold kann unsereins das noch gut nachvollziehen:

Bsp. 1: 两袋金子 (liǎng dài jīnzi), d. h. zwei Sack Gold, ist wie im Deutschen.
Bsp. 2: 两件T恤 (liǎng jiàn T xù), d. h. zwei T-Shirts, ist anders als im Deutschen, da T-Shirt hier ein count noun ist und kein ZEW benötigt. Das ZEW 件 (jiàn) wird i. d. R. auch nicht übersetzt.

Chinesisch hat dementsprechend auch viel mehr verschiedene ZEWs. – Obwohl ich noch nicht dermaßen lange Chinesisch lerne, fallen mir auf Anhieb eine ganze Menge davon ein: 包, 杯, 本, 袋, 个, 壶, 间, 件, 口, 块, 辆, 盘, 瓶, 双, 岁, 条, 位, 些, 张, 只 ...

Kleiner Exkurs: Aufgrund der Tatsache, dass die ZEWs im Chinesischen und Japanischen zwar immer benutzt werden müssen, aber keinen wirklichen Informationsgehalt transportieren (sie geben meist weder etwas über die Anzahl noch über das Gezählte an), sind sie anfällig für sprachliche Vereinfachungen (sie fallen der sog. Sprachökonomie zum Opfer). Zum Beispiel gibt im Japanischen zwar mehrere hundert verschiedene ZEWs, in Gebrauch sind aber nur noch einige Dutzend. Das Standard-ZEW im Chinesischen ist 个 (). Da es sehr häufig ist und so gut wie immer nach einer Zahl steht, führten die Sprecher in der Umgangssprache sogar eine Vereinfachung auf morphologischer Ebene durch:

Bsp.: 两个学生 (liǎng gè xuéshēng)俩学生 (liǎ xuéshēng), d. h. zwei Studenten,
三个学生 (sān gè xuéshēng)仨学生 (sā xuéshēng), d. h. drei Studenten
usw.

Wir sehen, dass Zahl und ZEW hier zu einer morphologischen Einheit, d. h. zu einem Wort, verschmolzen sind.

Zurück zum Thema: Es gibt auch Sprachen, die keine ZEWs besitzen. Englisch und Esperanto benutzen dann die erste Möglichkeit, mass nouns zu zählen: Zahl + Substantiv + Präposition + mass noun. Bei diesen beiden Sprachen gibt es sogar eine Standardpräposition:

Bsp. 1: two sacks of gold, die Variante mit of ist der Standard im Englischen, um Gold in Säcken zu zählen.[4]
Bsp. 2: du sakoj da oro, die Variante mit da ist hingegen der Standard im Esperanto.

Man beachte, dass die Säcke in beiden Fällen im Plural stehen. Außerdem: oro ist im Esperanto keineswegs ein mass noun. Esperanto kennt nämlich keine solchen und kann schlicht und einfach von jedem Wort den Plural bilden: du oroj bedeutet dann zwei Goldstücke.

Was haben wir also bis jetzt? Wenn wir count nouns, mass nouns und ZEWs als Attribute definieren, die jede Sprache entweder mit - (nicht vorhanden) oder + (vorhanden) belegt, dann können wir alle Sprachen in 2·2·2=8 mögliche Typen einteilen. Allerdings besitzt jede Sprache Substantive, also fallen zwei der Typen schon mal weg:

Sprache besitztBeispiel-
sprache
count nounsmass nounsZEWs
---
--+
-+-?
-++Chinesisch
+--Esperanto
+-+?
++-Englisch
+++Deutsch

Für vier der verbliebenen sechs Typen haben wir bereits Beispielsprachen gefunden. Es bleiben also die Fragen nach Sprachen, die nur mass nouns besitzen, und Sprachen, die nur count nouns und ZEWs besitzen (s. Tabelle).

Erstere Sprachen sind aufgrund einer einfachen logischen Schlussfolgerung nicht existent: Wenn wir annehmen, dass es nur die zwei oben genannten möglichen Kombinationen gibt, um mass nouns zu zählen (also entweder mit einem anderen Substantiv oder mit einem ZEW), dann bleibt in einer Sprache ohne count nouns und ZEWs keine dieser beiden Kombinationen übrig. Also könnten wir in dieser Sprache auch keine Substantive (mithilfe von Zahlen) zählen. Die einzige bekannte Sprache, in der es keine Zahlen gibt und deren Sprecher auch nicht zählen (können), ist das Pirahã. Allerdings gibt es dort eine Unterscheidung von count nouns und mass nouns.[5]

Letztere Sprachen erwiesen sich bei meiner Recherche als schwierig und ich gebe im Folgenden keine Garantie auf Korrektheit. Doetjes beschreibt u. a. den Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein von ZEWs und Pluralmarkierung in verschiedenen Sprachen.[6] Sie führt an, dass es Sprachen gibt, die trotz der Möglichkeit, den Plural zu markieren, ZEWs besitzen. Zunächst ein Beispiel aus dem Deutschen, auf welches diese Eigenschaft ebenfalls zutrifft:

Variante 1: zwei Laib Brot ist ohne Plural nur mit ZEW grammatisch.
Variante 2: zwei (*Laib) Brote ist mit Plural nur ohne ZEW grammatisch.

Allerdings ist das Deutsche in dieser Hinsicht nicht so konsequent. (Vgl. zwei Sack Kartoffeln mit Plural und ZEW; eine längere Betrachtung dieses Phänomens würde jetzt zu sehr in die Tiefe gehen. Ich denke, dass das Wort Kartoffeln in diesem Fall einfach wie ein mass noun wahrgenommen wird.) Im Westarmenischen gibt es hingegen standardmäßig diese beiden Varianten:

Variante 1: yergu (had) hovanoc, d. h. zwei Regenschirme, ist ohne Plural mit/ohne ZEW grammatisch.
Variante 2: yergu (*had) hovanocner, d. h. zwei Regenschirme, ist mit Plural nur ohne ZEW grammatisch.

Gäbe es mass nouns in dieser Sprache, dann könnte man für diese nur die erste Variante benutzen. Allerdings müsste man dafür herausfinden, ob die zweite auch wirklich nicht möglich ist oder sie einfach nur nicht/kaum benutzt wird.[7] Doetjes geht auch noch auf ein paar andere Sprachen ein, aber bei keiner wird so richtig klar, ob wir sie letzten Endes als Beispielsprache in unsere Tabelle schreiben dürfen. Deshalb will ich es für heute dabei belassen:

Sprache besitztBeispiel-
sprache
count nounsmass nounsZEWs
---
--+
-+-
-++Chinesisch
+--Esperanto
+-+Armenisch (?)
++-Englisch
+++Deutsch

Immerhin hat der Leser auch so eine Menge gelernt. Wenn er denn den Beitrag bis hierher gelesen hat.

Nachtrag: Ich habe heute meine Typologiedozentin gefragt, wo ich prinzipiell nach einer Sprache ohne mass nouns, aber mit ZEWs suchen könnte, und sie meinte, dass man am ehesten in klassifizierenden Sprachen wie den Maya-Sprachen fündig werden könne. Also habe ich noch mal im Internet recherchiert und bin tatsächlich auf das in Nordamerika gesprochene Hopi gestoßen, welches zwar keine Maya-, sondern eine uto-aztekische Sprache ist, aber dennoch vielversprechend aussieht. Hopi besitzt nämlich ganz offenbar keine mass nouns[8], aber ZEWs[9]. Weiterhin komme ich zu dem Schluss, dass es statt count nouns vs. mass nouns viel mehr count nouns vs. ZEWs heißen müsste, denn wir können allgemein folgende Universalie definieren:
Jede Sprache besitzt count nouns oder ZEWs.


[0]Oder findet hier etwa jemand Homer Simpsons Ich habe drei Kinder und kein Geld. Warum kann ich nicht keine Kinder haben und drei Geld? grammatisch und völlig normal anstatt unnormal und darum ulkig?
[1]Lehmann betrachtet in On the German numeral classifier system die ZEWs Stück und Mann genauer.
[2]Das sähe dann so aus:

[3]Brian, Hok-Shing, Chan: Classifiers, demonstratives and classifier-to-demonstrative movement
[4]Eine weitere Möglichkeit wäre: two sacks containing gold, wobei hier schon wieder mehr Information übermittelt wird: zwei Säcke, die Gold enthalten.
[5]Diese wird bei der Verwendung von zu much und many im Englischen äquivalenten Adjektiven ersichtlich. Vgl. Language Log: One, two, many -- or 'small size', 'large size', 'cause to come together'? und The Pirahã Controversy: Numbers - Languages Of The World.
[6]Jenny Doetjes: Count/mass distinctions across languages
[7]Ich nehme an, dass Hrayr Khanjian dies und vieles mehr in seiner Arbeit Quantification in Western Armenian getan hat, allerdings kostet sie 24,95€ ...
[8]Zu dieser Erkenntnis gelangte Whorf. Siehe dazu die Google-Einträge zu Hopi AND mass nouns. Außerdem gibt es hier einen einfach zu lesenden Blogbeitrag.
[9]Leider habe ich dazu keine belegenden Beispiele gefunden, aber zumindest wird Hopi an einigen Stellen als Sprache mit Klassifikatoren, d. h. ZEWs, genannt. Vgl. hier.

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