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Sonntag, 15. November 2015

»Irgendwas stimmt doch nicht mit diesem SOP-Schild ...«


Deutsch

In diesem Bei­trag erzäh­le ich ein bis­s­chen was über Satz­glied- bzw. Grundwort­stellung.

Werfen wir zu­nächst ei­nen Blick auf die Ver­teilun­gen der sechs mögli­chen Grundwor­stellun­gen von Subjekt, Objekt und Prädikat in den Spra­chen der Welt:

Wort-
stellung
deutsche
Entsprechung
Anteil von
Sprachen[1]
Beispiel-
sprachen
SOPSie ihn liebt.45%Deutsch, Latein, Japanisch
SPOSie liebt ihn.42%Englisch, Französisch, Chinesisch
PSOLiebt sie ihn.9%Arabisch, Irisch
POSLiebt ihn sie.3%Madagassisch, Katalanisch
OPSIhn liebt sie.1%Hixkaryana
OSPIhn sie liebt.0%Warao

Der Le­ser stellt sich an die­ser Stel­le si­cherlich einige Fra­gen:
  1. Wa­rum tre­ten einige Grundwort­stellun­gen häufi­ger auf als an­de­re?
  2. Wie be­stimmt man die Grundwor­stellung ei­ner Spra­che?
  3. Weshalb zählt das Deut­sche zu den SOP-Spra­chen?
Ge­nau die­se Fra­gen sol­len in diesem Bei­trag mehr oder we­ni­ger kurz behandelt wer­den.

1. Warum treten einige Grundwortstellungen häufiger auf als andere?

Es muss ja ei­nen Grund dafür ge­ben, dass SOP- und SPO-Spra­chen bein­ahe 90% der Spra­chen der Welt aus­ma­chen und es ver­gli­chen dazu so gut wie kei­ne OPS- und OSP-Spra­chen gibt. In der Tat gibt es zwei einfa­che Erklärun­gen dafür: 1. Das Subjekt steht bevorzugt am Anfang, da es meis­tens den Ak­teur oder zumin­dest die wichtigste Sa­che im Satz beschreibt und daher intuitiv an den Anfang gesetzt wird; 2. Da das Objekt auf syntakti­scher Ebe­ne in das Prädikat ein­gebettet ist (d. h. das Prädikat näher be­stimmt), wird es auch nicht grund­los vom Prädikat getrennt. Ein Syntaxbaum soll das ver­deutli­chen:

     
Copyright (C) 2011 by Miles Shang <mail@mshang.ca>[2]

Der linke Baum zeigt die An­ord­nung der Satz­glieder in ei­ner SOP-Spra­che (S0: Satz, NP: Nomi­n­alphrase, VP: Ver­b­alphrase, V: Verb[3]). Durch Ver­tau­schen von Kindkno­ten erhält man an­de­re Spra­chen. Bei ei­ner SPO-Spra­che wären bspw. die Kin­der des VP-Knotens ver­tauscht. Wird allerdings das Objekt vom Prädikat getrennt, findet ei­ne Trans­formati­on inn­erhalb des Baums (rechts) statt.
SOP- und SPO-Spra­chen erfül­len bei­de Anforde­run­gen: Das Subjekt steht vor­ne und Objekt und Prädikat stehen zu­sammen. Daher kommen sie am häufigs­ten vor.

2. Wie bestimmt man die Grundworstellung einer Sprache?

Ein Verfah­ren zur Be­stimmung der Grundwort­stellung ei­ner Spra­che gibt es nicht. Es las­sen sich lediglich einige Ten­den­zen verzeichnen:

  • Die Wort­stellung, die von den Mut­ter­sprach­lern als Grundwort­stellung empfun­den wird, tendiert dazu, die Grundwort­stellung zu sein.
  • Die am häufigs­ten verwende­te Wort­stellung tendiert dazu, die Grundwort­stellung zu sein.
  • Die un­markier­te Wort­stellung[4] tendiert dazu, die Grundwort­stellung zu sein.
  • Die Wort­stellung in pragmatisch neu­tra­len Kon­tex­ten tendiert dazu, die Grundwort­stellung zu sein.
Allerdings hilft uns das al­les bei der Be­antwor­tung der nächs­ten Fra­ge auch nicht wei­ter.

3. Weshalb zählt das Deutsche zu den SOP-Sprachen?

Der Mann deckt den Tisch.
ist SPO, dar­über lässt sich nicht strei­ten. Allerdings ändert sich das auch ganz schnell:
Ges­tern deck­te der Mann den Tisch.
ist nämlich PSO. Außerdem ist es im Deut­schen ebenso erlaubt,
Den Tisch deck­te der Mann.
zu sa­gen, was dann in OPS ist. So kommen wir also nicht wei­ter.
Der Mann hat den Tisch gedeckt.
besitzt ei­ne aus zwei Wört­ern zu­sammen­gesetzte Ver­b­form. Wir stel­len fest, dass der unflektier­te Teil (gedeckt) stets am En­de steht:
Ges­tern hat der Mann den Tisch gedeckt.
Den Tisch hat der Mann (ges­tern) gedeckt.
Ebenso ist es, wenn das Verb sich aus mehr als zwei Komponen­ten zu­sammensetzt:
Der Mann hätte den Tisch de­cken sol­len.
Der Mann hätte den Tisch gedeckt ha­ben sol­len.
Man kann den Satz erweitern, so viel man will, – die­se unflektier­ten Ver­ben blei­ben am En­de stehen. Formt man den Haupt­satz in ei­nen Neben­satz um, so erhält man:
[dass] der Mann den Tisch gedeckt ha­ben ge­sollt hätte.
Und nun stehen alle Ver­ben am En­de. Außerdem ist es in ei­nem pragmatisch neu­tra­len Kon­text nicht mehr möglich, die Reihenfolge von Subjekt und Objekt zu ändern. Das bedeu­tet, dass der deut­sche Neben­satz in der Regel SOP als Grundwort­stellung hat. Allerdings findet im Haupt­satz ei­ne Trans­formati­on statt (ähnlich wie oben, nur nicht mit dem Objekt, sondern mit dem flektier­ten Verb), die die Wor­stellung in SPO ändern kann.

Ich möch­te ab­schließend noch auf die Verzweigungs­rich­tungs­theorie (kurz: BDT, von Branching Directi­on Theory) ein­gehen. Die BDT teilt Baum­struktu­ren in phrasale und nichtphrasale Kategori­en ein. Im obigen Baum ha­ben wir VP → NP V[5]. Dabei ist V ei­ne nichtphrasale Kategorie, da sie nur aus ei­nem einzigen Wort be­stehen, sich also nicht wei­ter verzwei­gen kann. Die NP ist, wie es der Na­me Nomi­n­alphrase schon verrät, ei­ne phrasale Kategorie, da sie sich weiterverzwei­gen (z. B. NP → D N; D: Artikel, N: Nomen) kann. Die Theorie be­sagt nun, dass in ei­ner Spra­che, in wel­cher phrasale Kategori­en vor nichtphrasa­len Kategori­en stehen, auch das Objekt (NP) vorm Prädikat (V) steht und umgekehrt. Das Deut­sche wäre somit linksverzwei­gend. Die folgen­de Ta­bel­le[6] zeigt einige Ei­genschaf­ten, die linksverzwei­gen­de Spra­chen typi­scherweise ha­ben.

Phrasephrasale Kategorie
(Dependens)
nichtphrasale Kategorie
(Kopf)
Bedeutung
VPNPVObjekt vor Prädikat
PPNPPNomen vor Adposition
NPAPNAdjektive vor Nomen
NPRelClNRelativsatz vor Nomen
VPauxVPVauxVollverb vor Hilfsverb

In ei­ner rechtsverzwei­gen­den Spra­che ist es dann dem­ent­spre­chend an­dersher­um. Die erste Zeile sollte mittlerweile klar sein, es folgen jetzt noch ein paar Bei­spiele und Erläuterun­gen zu den an­de­ren vie­ren.
  • Nomen vor Adpositi­on   Bei­spiel: den Fluss ent­lang. Allerdings ent­hält das Deut­sche nicht nur Postpositionen, sondern auch Prä- und Zirkumpositionen.
  • Adjektive vor Nomen   Im Deut­schen ist es der Normalfall, ei­ne einfa­che Prüfung zu sa­gen. Allerdings ist an easy exam in der SPO- bzw. rechtsverzwei­gen­den Spra­che Eng­lisch ebenso normal. Es sei an die­ser Stel­le dar­auf hingewiesen, dass die BDT nur bei phrasa­len Kategori­en greift. Das Wort easy ist ebenso wie exam kei­ne Phrase und muss daher nicht dahin­ter stehen. An­ders ist es bei an exam easy to pass; hierbei handelt es sich um ei­ne tatsächl­i­che Adjektivphrase und die­se kann nicht vor­an­ge­stellt wer­den, wäh­rend wir im Deut­schen weiterhin ei­ne einfach zu be­stehen­de Prüfung ha­ben.
  • Re­lativ­satz vor Nomen   Da Re­lativsät­ze sehr lang und kompliziert wer­den können, stehen die­se im Deut­schen meis­tens nach dem Nomen, auf das sie sich bezie­hen (Schwe­re-Kon­sti­tuen­ten-Prinzip). Allerdings ist es nicht unüblich, der sich über­schätzt haben­de und durch die Prüfung gefal­lene Student an­stel­le von der Student, der sich über­schätzt hat und durch die Prüfung gefal­len ist zu sa­gen. Im Eng­li­schen ist wieder­um nur Letzte­res möglich.
  • Vollverb vor Hilfsverb   Die­se Ei­genschaft trifft im deut­schen Neben­satz zu.


Somit soll­ten nun alle Fra­gen be­antwortet sein. Oder nicht? Dann ab damit in die Kommentare!
[1]Quel­le: Tomlin (1986, S. 22)
[2]s. Syntax Tree Generator
[3]Das Prädikat (syntakti­sche Funkti­on) kann man ei­gentlich nicht mit dem Verb (morpho­logi­sche Funkti­on) gleichset­zen. Da aber oftmals ein Verb als Prädikat fungiert, soll an die­ser Stel­le auf ei­ne ge­naue­re Un­ter­scheidung verzich­tet wer­den.
[4]D. h. es wird nichts durch ei­ne besonde­re Wort­stellung betont oder hervor­geho­ben. Bei­spiel aus dem Eng­li­schen: I li­ke be­ans (un­markiert), Be­ans, I li­ke (markiert).
[5]Zeilen­schreibweise für
VP
/\
NPV
.
[6]Quel­le: Prof. Christi­an Leh­mann, http://www.christi­anleh­mann.eu/. (Weite­res auf die­ser Seite.)

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