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Samstag, 30. Mai 2015

Boje ~ Koje


Deutsch

Wenn man ei­ne Was­ser­rund­fahrt durch die Stadt Pots­dam ge­nießt, schießen ei­nem (spra­ch­in­ter­es­sier­ten Tou­ris­ten wie mir) gleich ei­ni­ge Fra­gen in den Kopf. Ei­ne da­von war: Ist es Zu­fall, dass die bei­den ein­zi­gen Wörter des Deut­schen auf -oje (nämlich Bo­je und Ko­je) aus dem See­we­sen stam­men? – Oje, um das her­aus­zu­fin­den, müssen wir wie­der tief in die Sprach­ge­schich­te ein­tau­chen.1 Aber da es viel in­ter­essan­ter ist, ei­ne Ety­mo­lo­gie von der Wur­zel bis zum Blat­te zu ver­fol­gen als um­ge­kehrt, be­gin­nen wir nicht im Neu­hoch­deut­schen, son­dern im Urin­do­ger­ma­ni­schen.
Dort gab es mal ein Wort, das lau­te­te *gʷṓws, und es sieht nicht nur so aus, wie cow bzw. Kuh, son­dern ist auch de­ren ältes­ter Ver­wand­ter und trug die­se Be­deu­tung. Die­se bei­den Ab­le­ger stam­men vom ur­ger­ma­ni­schen *kūz ab, wir aber wol­len un­se­ren Blick auf das Alt­grie­chi­sche rich­ten. Dort hat­te sich das Wort βοῦς in der Be­deu­tung Och­se ent­wi­ckelt. Die Och­sen­fel­le nann­te man δοραι, wor­aus schließlich das la­tei­ni­sche bo­ia für Hal­sei­sen (?) her­vor­ging. Von dort ge­lang­te es, wie so vie­le an­de­re Wörter auch, ins Alt­französi­sche und wur­de dort zu bu­ie mit der Be­deu­tung Ket­te. Und von dort ging es über das mit­tel­nie­derländi­sche und -nie­der­deut­sche bo(e)ye, wo es be­reits wie Bo­je ge­braucht wur­de, ins gleich­lau­ten­de hoch­deut­sche Wort über. Der eng­li­sche Ver­wand­te heißt buoy.
Das urin­do­ger­ma­ni­sche Wort *ḱówHwos stand in der Be­deu­tung Hohl­raum und ging mit der ent­spre­chen­den ad­jek­ti­vi­schen Be­deu­tung hohl als ca­vus ins La­tei­ni­sche über. Da­von lei­te­te sich wie­der­um das Sub­stan­tiv ca­vea (Höhle) ab. Die­ses Wort ge­lang­te dann un­ter an­de­rem ins Deut­sche als Käfig, ins Eng­li­sche als ca­ge und auch ins Nie­derländi­sche als kooi. Dort hat es ne­ben der Be­deu­tung in sei­nen west­ger­man­si­chen Ge­schwis­tern auch die Be­deu­tung Schlaf­ka­bi­ne, wie man auch im vom Nie­derländi­schen ab­stam­men­den Afri­kaans sieht, wo kooi Bett be­deu­tet.2 Aus dem (Mit­tel-)Nie­derländi­schen (koye) nah­men es die Nie­der­deut­schen und von dort ge­lang­te die Ko­je in die deut­sche Stan­dard­spra­che.
So­wohl Bo­je als auch Ko­je sind al­so aus dem Mit­tel­nie­derländi­schen von (boye und koye) ent­lehnt wor­den. Das ist nicht ver­wun­der­lich, da die Nie­der­lan­den ei­ne große Ko­lo­nial­macht wa­ren. So kam es vor, dass ge­ra­de bei das See­we­sen be­tref­fen­den Din­gen Wörter aus dem Nie­derländi­schen ins Nie­der­deut­sche ka­men. Und da es im hoch­deut­schen Raum nicht so viel Schiff­fahrt gab, wur­den die nöti­gen Be­grif­fe bei der Bil­dung der Stan­dard­spra­che (dem Hoch­deut­schen) ein­fach aus dem Nie­der­deut­schen ge­nom­men.
1Al­le fol­gen­den An­ga­ben zu Ety­mo­lo­gi­en sind von wiktio­na­ry.org und du­den.de ent­nom­men.
2In der deut­schen Um­gangs­spra­che hat sich eben­falls die Be­zeich­nung Ko­je für Bett ein­gebürgert.

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