Seiten

  • Startseite
  • Impressum
  • Inhalt
  • MINT
  • Sprache
  • Soziales
  • Geist
  • Kunst
  • Gemischtes
  • Gedichte

Freitag, 13. März 2015

Das Problem mit dem Überlappen


Deutsch

Bei (ma­schi­nel­ler) Über­set­zung stößt man bis­wei­len auf das Pro­blem, dass ver­schie­de­ne Wörter in un­ter­schied­li­chem Kon­text an­ders über­setzt wer­den müssen. Zum Bei­spiel hat das Wort Ge­richt ei­ne ju­ris­ti­sche und ei­ne ku­li­na­ri­sche Be­deu­tung und wird ins Eng­li­sche dement­spre­chend ent­we­der mit court oder mit dish über­setzt. Um die­ses Pro­blem soll es aber gar nicht ge­hen, son­dern um das Pro­blem der un­ter­schied­li­chen Ein­tei­lung von Din­gen in un­ter­schied­li­chen Spra­chen (bei glei­chem Kon­text).
Ein ein­fa­ches Bei­spiel soll das Pro­blem ver­an­schau­li­chen: Im Deut­schen gibt es die Be­grif­fe Schüler und Stu­dent, im Eng­li­schen gibt es die Be­grif­fe pu­pil und stu­dent. Die Über­set­zung er­folgt aber nicht 1 zu 1, denn wie wir wis­sen, wer­den älte­re Schüler im Eng­li­schen als stu­dents be­zeich­net. Ge­nau­er:
DeutschEng­lisch
Pri­mar­stu­fe Schüler pu­pil
Se­kun­dar­stu­fe I
Se­kun­dar­stu­fe II stu­dent
Uni­ver­sität Stu­dent
Für die­ses Pro­blem gibt es u. a. die fol­gen­den drei Lösungs­vor­schläge: Ers­tens könn­te man stur sa­gen, dass [Schülerpu­pil] und [Stu­dentstu­dent]. Geht man von 4 Jah­ren Pri­mar­stu­fe, 5 Jah­ren Se­kun­dar­stu­fe I, 3 Jah­ren Se­kun­dar­stu­fe II und 5 Jah­ren Uni­ver­sität aus, so wäre die Feh­ler­quo­te 3/17 = 18%. Das geht, weil es im Deut­schen und im Eng­li­schen je­weils ge­nau zwei Be­grif­fe gibt, die auch so in et­wa das Glei­che be­schrei­ben. Im Chi­ne­si­schen sieht das aber wie­der an­ders aus. Dort gibt es ein all­ge­mei­nes Wort für Schüler/Stu­dent (学生 xuéshēng) und da­zu noch je­weils ei­ne spe­zi­fi­sche Be­zeich­nung für Grundschüler (小学生 xiǎoxuéshēng), Mit­telschüler (中学生 zhōng­xuéshēng), Gym­na­si­ast (高中生 gāozhōngshēng) und Stu­dent (大学生 dàxuéshēng). Zwei­tens könn­te man dem Be­nut­zer ver­schie­de­ne Be­grif­fe nach Wahr­schein­lich­keit sor­tiert vor­schla­gen: [Schülerpu­pil (75%); stu­dent (25%)] und [Stu­dentstu­dent (100%)] bzw. [pu­pilSchüler (100%)] und [stu­dentStu­dent (71%); Schüler (29%)]. Die Pro­z­ent­zah­len könn­te man auch an­ders fest­le­gen, in­dem man sehr vie­le Tex­te ana­ly­siert und zählt, wie oft was wo­durch über­setzt wur­de. Und drit­tens könn­te man nach Schlüsselwörtern su­chen, die ei­nem ver­ra­ten, was ge­meint ist. So wäre bspw. a twenty-year-old stu­dent kaum ein zwan­zigjähri­ger Schüler.
Wie an­fangs erwähnt, war das ein ein­fa­ches Bei­spiel. Jetzt wer­den wir ei­ne gänz­lich an­de­re The­ma­tik be­trach­ten, nämlich Schmet­ter­lin­ge1. Im Deut­schen un­ter­tei­len wir die bun­ten Flügel­we­sen in Tag­fal­ter und Nacht­fal­ter, wo­bei Ers­te­res meis­tens ein­fach Schmet­ter­ling ge­nannt wird. Zu den Nacht­fal­tern gehören die Mot­ten. Im Eng­li­schen hin­ge­gen un­ter­teilt man nur in but­ter­fly (= Tag­fal­ter) und moth (= Nacht­fal­ter). So­weit, so gut. Aber ich neh­me noch das Chi­ne­si­sche mit hin­zu. Dort un­ter­teilt man grundsätz­lich nicht in Tag- und Nacht­fal­ter, son­dern in Schmet­ter­lin­ge, die in et­wa so aus­se­hen ( dié) und Schmet­ter­lin­ge, die in et­wa so aus­se­hen ( é). Der Be­griff 蝴蝶 húdié meint des Wei­te­ren sol­che Tag­fal­ter. Im Eng­li­schen wie im Chi­ne­si­schen gibt es auch noch ein Fach­wort für das deut­sche Schmet­ter­ling, al­ler­dings möchte ich mich hier auf ei­ne volks­mund­ge­treue Über­set­zung kon­zen­trie­ren und es be­nutzt wohl kaum je­mand das Wort le­pi­do­pte­rus. Gra­phisch dar­ge­stellt (die ge­klam­mer­ten Be­grif­fe fal­len bei der fol­gen­den Be­trach­tung weg):
DeutschEnglischChinesisch
 Schmetterling
/\
( Tagfalter) Nachtfalter
M Motte
( lepidopterus)
/\
 butterfly moth


( 鳞翅 línchì)
/\
  dié  é
 蝴蝶 húdié
Die Bäume kann man wie folgt in­ter­pre­tie­ren: Je­der Kno­ten erbt die Ei­gen­schaf­ten sei­nes Va­ter­kno­tens (in­klu­si­ve des­sen er­erb­ter Ei­gen­schaf­ten). 蝴蝶 húdié hat bspw. die Ei­gen­schaf­ten ★✖☼. Möchte man tatsächlich kor­rekt über­set­zen, so kann man nur ein Ziel­wort wählen, wel­ches in al­len Ei­gen­schaf­ten, die es be­sitzt, mit dem Aus­gangs­wort über­ein­stimmt. So kann man [★☾M Mot­te] mit [★☾ moth] über­set­zen, aber nicht um­ge­kehrt (, da es auch Nacht­fal­ter gibt, die kei­ne Mot­ten sind). An­ge­nom­men, dass zwei reich­lich große Schnitt­men­gen von Schmet­ter­lin­gen mit der Ei­gen­schaft und Schmet­ter­lin­gen mit der Ei­gen­schaft so­wie von Schmet­ter­lin­gen mit der Ei­gen­schaft und Schmet­ter­lin­gen mit der Ei­gen­schaft be­ste­hen – ich ver­mu­te das, ha­be aber kei­ne Be­le­ge –, so kann man den chi­ne­si­schen Schmet­ter­lings­baum umändern und an­pas­sen. Las­sen wir im Deut­schen den Schmet­ter­ling auf den Platz vom Tag­fal­ter rut­schen und strei­chen den Nacht­fa­ler weg, dann er­hal­ten wir fol­gen­de Bäume:
DeutschEnglischChinesisch
/\
 Schmetterling Motte
/\
 butterfly moth
/\
 蝴蝶 húdié  é
Jetzt ha­ben wir ei­ne Lösung nach dem obi­gen ers­ten Vor­schlag, wel­che ge­nau die 1-zu-1-Über­set­zung ist, wel­che uns der Goo­gle-Über­set­zer vor­schlägt.
Die­ses Pro­blem, dass sich die ein­ge­teil­ten Men­gen über­lap­pen2, ist uni­ver­sell. Blei­ben wir in der Tier­welt und be­trach­ten ein letz­tes Bei­spiel:
DeutschEnglischChinesisch
Tintenfisch
KalmarKrake – Oktopus
Krake [myth.]
(coleoidea)
squidoctopus
kraken [myth.]
( shāo)
鱿 yóu章鱼 zhāngyú – 八爪鱼 bāzhuǎyú
鱿鱼 yóuyú
Zunächst ein­mal gibt es im Deut­schen wie­der einen Über­be­griff Tin­ten­fisch. Ins Eng­li­sche über­setzt ver­wen­det man meist ein­fach squid, ob­wohl da­mit streng ge­nom­men nur die Kal­ma­re ge­meint sind.3 Im Chi­ne­si­schen gibt es das Wort 鱿鱼 yóuyú, wo­mit man die klei­nen, ess­ba­ren Kal­ma­re meint. Für die an­de­ren wie die großen, die mit den Wa­len kämp­fen, ver­wen­det man dann eher 鱿 yóu.4 Wei­ter gibt es im Deut­schen und Chi­ne­si­schen zwei (vom Sin­ne her) ver­schie­de­ne Be­zeich­nun­gen für Kra­keOk­to­pus, oc­to­pus und 八爪鱼 bāzhuǎyú be­deu­ten nämlich glei­cher­maßen Achtfüßer. Während es im Deut­schen nur ein Wort für einen ech­ten Kra­ken und das my­thi­sche Seeun­ge­heu­er gibt, gibt es im Eng­li­schen zwei und im Chi­ne­si­schen (aus kul­tu­rel­len Gründen) gar keins im ei­gent­li­chen Sin­ne (man kann es nur um­schrei­ben). Je­den­falls dürf­te es schon et­was schwie­ri­ger wer­den, die­se Bäume zu ver­ein­heit­li­chen.

1Der Schmet­ter­ling hat übri­gens nichts mit schmet­tern zu tun, son­dern lei­tet sich vom ost­mit­tel­deut­schen Schmet­ten (= Sah­ne) ab, denn nach al­tem Volks­glau­ben flie­gen He­xen in Schmet­ter­lings­ge­stalt um­her, um Milch und Sah­ne zu steh­len (Quel­le: Du­den).
2Die­ser Ein­schub ist nur ein Wink mit dem Zaun(s)pfahl an die­je­ni­gen, die im­mer noch auf einen Über­lap­pen war­ten.
3Die be­kann­tes­ten Un­ter­grup­pen der Tin­ten­fi­sche sind die Kal­ma­re, die Kra­ken und die Se­pi­en. (Letzt­ge­nann­te ha­be ich in mei­ner Be­trach­tung außen vor ge­las­sen.) Man sieht hier sehr schön, dass der Goo­gle-Über­set­zer für Tin­ten­fisch die Über­set­zun­gen squid (= Kal­mar), oc­to­pus (= Kra­ke) und cutt­le­fish (= Se­pie), mit Prio­rität auf dem erst­ge­nann­ten, vor­schlägt. Im Eng­li­schen gibt es auch das Wort ink­fish, was aber laut Wiktio­na­ry nur ein ugs.es Wort für die Se­pi­en ist.
4Ein­fach mal bei Goo­gle-Bil­der 鱿 und 鱿鱼 ein­ge­ben.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen