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Sonntag, 8. Februar 2015

Das kommunistische Prinzip #3


Deutsch

Für die ers­ten bei­den Teile s. Das kom­mu­nis­ti­sche Prin­zip und Das kom­mu­nis­ti­sche Prin­zip #2.

Der We­cker klin­gelt um halb acht. Ich kann mich nicht dar­an er­in­nern, wie ich ein­ge­schla­fen bin. Ir­gend­wo­her weiß ich, dass heu­te Don­ners­tag ist. – Don­ners­tag, ich kann mich nicht an Mitt­woch er­in­nern. Oder an Diens­tag … – Ich ste­he auf und bli­cke mich in mei­nem Zim­mer um. Das Licht der durch das Fens­ter ein­fal­len­den Son­nen­strah­len fällt auf nichts wei­ter als mein Bett und einen klei­nen Tisch, auf dem der We­cker, ein Bündel Kla­mot­ten und ei­ne Wasch­ta­sche ste­hen. Ich neh­me das über Nacht ge­wa­sche­ne Bündel und klei­de mich an. An­sch­ließend pa­cke ich die Wasch­ta­sche und ver­las­se mei­ne Ba­ra­cke, um ins Bad zu ge­hen. Es ist ein Ge­mein­schafts­bad und ich muss ei­ni­ge Mi­nu­ten war­ten, bis ei­ne Du­sche frei wird. Es ist duns­tig und die Stim­men der an­de­ren – selt­sam ver­trau­te Stim­men – drin­gen nur wie von wei­ter Fer­ne an mein Ohr. Ich be­trach­te mein Ge­sicht im Spie­gel: jung und streng, kei­ne Fal­ten, kei­ne Run­zeln, kei­ne Krat­zer. Ei­ne blon­de Strähne kräuselt sich über die Stirn. Als ich ihr fol­ge, trifft mein Blick den mei­nes Spie­gel­bil­des und ich schaue mir selbst in die Au­gen. – Wer ist die­ses We­sen auf der an­de­ren Sei­te? – Ir­gend­wo patscht es, ich wer­de aus mei­ner Tran­ce ge­ris­sen und der Ge­dan­ke ist ver­flo­gen. Nach dem Zähne­put­zen brin­ge ich mei­ne Wasch­ta­sche zurück in mein Zim­mer und be­ge­be mich in Rich­tung Ver­samm­lungs­haus. Al­le kom­men mor­gens dort­hin. Um acht be­ginnt der Mor­ge­n­ap­pell. Al­le tra­gen die glei­che Uni­form, ha­ben den glei­chen Haar­schnitt, die glei­che Hal­tung, den glei­chen Gang, den glei­chen Ge­sichts­aus­druck. An­sch­ließend lau­fen al­le zu ih­rer Es­sens­aus­ga­be­stel­le. Al­les ist gleich; Tee, ein Brötchen, ein Stück­chen But­ter und ein Stück Scho­ko­la­de. Ich fra­ge, warum es kei­nen Ka­kao gibt, wer­de aber dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es noch nie et­was an­de­res als Tee gab. Ich tau­sche mei­ne Scho­ko­la­de bei ei­nem Un­be­kann­ten ge­gen ein Stück­chen But­ter. Ich glau­be, dass ich ihm schon ein­mal ir­gend­wo be­geg­net bin.
Mei­ne Ar­beit be­ginnt um zehn. Ich ar­bei­te als Ma­the­ma­ti­k­leh­rer. Die­se Ar­beit ha­be ich an der Ar­beits­ver­ga­be­stel­le be­kom­men, weil ich gut rech­nen kann. Ich woll­te nie Leh­rer wer­den, aber ich bin gut dar­in, al­so spielt es kei­ne Rol­le. Es ist ja nur für drei Stun­den. Je­der ar­bei­tet nur drei Stun­den am Tag, mehr gibt es nicht zu tun. Und schwupp­di­wupp sind die drei Stun­den auch schon vorüber.
Um eins ge­he ich er­neut zur Es­sens­aus­ga­be­stel­le. Ich es­se al­lein. Aus ir­gend­ei­nem Grund war mir heu­te nicht nach Ge­sell­schaft zu­mu­te. Ich ha­be ein un­be­kann­tes Gefühl. Als ob ich et­was ver­ges­sen oder über­se­hen hätte, et­was, das aber di­rekt vor mir schwebt. Es drückt von in­nen ge­gen mei­nen Kopf und ich ver­su­che, mich dar­auf zu kon­zen­trie­ren. Aber ich kom­me nicht dar­auf.
Um zwei tref­fen sich die Leu­te, die vor­mit­tags ar­bei­ten. Es gibt ei­ne In­struk­ti­on in ein The­ma und an­sch­ließend wer­den Grüpp­chen ge­bil­det, in de­nen man über das The­ma spre­chen soll.
Um vier ist das Tref­fen vor­bei – ich er­in­ne­re mich schon gar nicht mehr dar­an – und bis um sie­ben steht Frei­zeit auf mei­nem Plan. Ich ge­he zu ei­nem Im­biss­stand und ho­le mir einen Tee. Ich fra­ge den Aus­schen­ker nach Ka­kao. Er hat das Wort noch nie gehört. Ich ge­he mit der Tee­scha­le in den Park und set­ze mich auf ei­ne Bank. Da ist es wie­der: In der Ober­fläche des Heißge­tränks se­he ich mein ver­schwom­me­nes Spie­gel­bild. Und zu­gleich kommt das Gefühl wie­der. Ich kann so nicht klar den­ken und sprin­ge auf. Ich ha­be das plötz­li­che Ver­lan­gen, noch ein­mal in einen Spie­gel zu bli­cken. Ich su­che et­was und ma­che schließlich vor ei­ner Glastür halt. Ich be­trach­te mich er­neut, se­he aber noch ge­nau so aus, wie heu­te Mor­gen. – Was soll­te auch an­ders sein? – Ich öff­ne die Glastür und stoße mit mei­nem Spie­gel­bild zu­sam­men. Wir bei­de stürzen rück­lings auf den Bo­den. Es rap­pelt sich zu­erst wie­der auf. Ver­dutzt se­he ich es an. „Hopp­la“, sagt es und reicht mir die Hand. „Hopp­la …“, sa­ge ich als ich sie er­grei­fe. – Wenn es mein Spie­gel­bild ist, warum macht es dann nicht, was ich ma­che? – Es ist schon wie­der weg. Ich bli­cke mich um und stel­le fest, dass ich in einen Frisörsa­lon ge­stol­pert bin. – Dach­te ich „Frisörsa­lon“? Was soll das sein? Ich mein­te „Haar­schnei­de­stel­le“. – Hier hängt ein rich­ti­ger Spie­gel und ich se­he hin­ein. Und ich se­he mich, klar und deut­lich, und hin­ter mir auf ei­nem Stuhl se­he ich … mich … und ihm – mir wer­den die Haa­re ge­schnit­ten von … mir! Es über­kommt mich: Die Stim­men im Bad, die Körper beim Ap­pell, die Ge­sich­ter hin­ter den Schulbänken – al­les mei­ne! Der Un­be­kann­te beim Frühstück, der Tee­aus­schen­ker, mein Spie­gel­bild – al­les ich! Es bricht über mich her­ein wie ein Strom­schlag – ich be­kom­me kei­ne Luft mehr, mir wird schwarz vor Au­gen. So kann ich nicht den­ken! Ich stürze nach draußen: Men­schen über­all – al­les ich! Ich ren­ne über die Straße und höre mich selbst „Vor­sicht“ ru­fen, ich wer­fe einen Fahr­rad­fah­rer um und höre mei­ne ei­ge­nen Kno­chen bre­chen, ich ren­ne und ren­ne – vor­bei an Ab­bil­dern von mir selbst. An Ab­bil­dern? Wo­her weiß ich, dass ich das Ur­bild bin? Ich muss es sein, ich sah schon im­mer so aus und die an­de­ren nicht! – Wirk­lich? Ich kann mich nicht er­in­nern, je­mals ein an­de­res Ge­sicht ge­se­hen zu ha­ben. Mein Kopf raucht, ich hat­te noch nie so vie­le Ge­dan­ken auf ein­mal.
Mei­ne Füße ha­ben mich der­weil zu mei­ner Ba­ra­cke ge­tra­gen. Ich ei­le in mein Zim­mer in der Hoff­nung et­was zu fin­den, ir­gen­det­was, das mir hel­fen könn­te. Doch es ist leer. Gänz­lich leer, aus­geräumt, vier weiße Wände, nicht mal ein Fens­ter und trotz­dem hell. Ich dre­he mich um und öff­ne mei­ne Zim­mertür, nur, um plötz­lich in ei­nem großen, dunklen Saal zu ste­hen. Die Tür hin­ter mir ist ver­schwun­den. Ich bin ein­ge­sperrt. Während ich durch den Saal ren­ne, ha­be ich nur einen Ge­dan­ken: „ICH WILL HIER RAUS! Raus aus die­sem Alb­traum!“ Von al­len Sei­ten ma­che ich näher­kom­men­de Schat­ten aus. Ver­zerr­te Fi­gu­ren, die ih­re Fänge nach mir aus­stre­cken: rechts, links, hin­ter mir, vor mir. Ich ma­che mich dar­auf ge­fasst, die auf mich zu­kom­men­den um­zu­ren­nen und pral­le ge­gen ei­ne Wand. Ich dre­he mich nach rechts: Wand – nach links: Wand – ich ren­ne ein paar Me­ter zurück: Wand. Ich bin ge­fan­gen in ei­nem Spie­gel­ka­bi­nett und die Wände kom­men näher. Gleich ha­ben sie mich! Schal­len­des Gelächter dröhnt von über­all. – Oder ist es Ge­sang? Spre­chen sie mit mir? Oder bil­de ich mir das ein? Bil­de ich mir das al­les nur ein? Ist das re­al? – Bin ich re­al? Wo be­gann der Traum, wo ist mein Körper‽
Jetzt hab ich’s! Das ist kein Gelächter und auch kein Ge­sang, das ist ein …


Der We­cker klin­gelt um halb acht. Es ist Don­ners­tag. – Schon wie­der Don­ners­tag? – Schweißge­ba­det schnel­le ich auf und bli­cke mich in mei­nem Zim­mer um. Das Licht der durch das Fens­ter ein­fal­len­den Son­nen­strah­len fällt auf nichts wei­ter als … – Nein, heu­te ha­be ich kei­ne Lust auf die­sen Quatsch. Warum den­ke ich das über­haupt je­den Mor­gen? Ich wer­fe mir das über Nacht ge­waschene Bün­del Kla­mot­ten über, las­se mei­ne Wasch­ta­sche links lie­gen und stürme nach draußen. Ich will Ant­wor­ten. Es kann ja wohl nicht sein, dass ich dau­ernd Er­in­ne­rungslücken ha­be und es hier je­den Tag an­ders aus­sieht: Erst ist hier al­les men­schen­leer und dann fin­de ich mich un­ter lau­ter Eben­bil­dern wie­der. So ha­be ich das mit der Gleich­heit nicht ver­stan­den, als ich mich für das Pro­gramm ge­mel­det … – ich blei­be wie an­ge­wur­zelt ste­hen und stol­pe­re da­bei fast über mei­ne ei­ge­nen Füße – das Pro­gramm! Ich wer­de ge­packt und zu Bo­den ge­drückt. Ich spüre einen Ein­stich; es ge­lingt mir, mich um­zu­wen­den, und das Letz­te, was ich se­he, sind die großen, lee­ren Au­gen ei­ner Schutz­mas­ke.

Kommentare:

  1. Eine Außenstehender wird denken, die Studenten haben am Abend mal wieder die falsche Teesorte getrunken (oder geraucht). VGV

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  2. Der würde (denke ich) einfach nur sagen, dass du gut Geschichten schreiben kannst.
    Der dritte Teil vom Kommunistischen Prinzip gefällt mir besser als der Vorhergehende. Du vermittelst wieder zunehmend (wie im ersten Teil) philosophisches Gedankengut.
    Ab den Sätzen: "Ich ei­le in mein Zim­mer in der Hoff­nung et­was zu fin­den, ir­gen­det­was, das mir hel­fen könn­te. Doch es ist leer." wird dein Text richtig spannend und ich fand es sehr schön, dass du immer tiefere Einblicke in die Gefühlswelt des lyrischen Ichs gegeben hast.
    Umso frustierender ist dann natürlich wieder der immer gleiche Anfang, der den neuen Tag makiert. Dabei hast du meiner Meinung nach einen wirklich guten Übergang geschaffen, indem auch gleich am neuen Tag der Protagonist versucht neue Antworten auf seine Fragen zu finden.
    Weil ich weiß, dass du dir für das Bild viel Mühe gegeben hast ein kurzer Kommentar dazu: Ja, es gefällt mir sehr gut und ich finde es auch hier sehr passend.
    Freu mich auf weitere Fortsetzungen, aber das weißt du ja. :)

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    1. Positive Kritik hört man gern. ;-)
      Ich habe schon Stichpunkte für den nächsten Teil gemacht, langsam weiß ich selber, in welche Richtung es gehen soll. Aber durch die ständige Vermischung der Wirklichkeitsebenen und die ganzen Déjà-vus zieht sich da noch viel in die Länge.

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  3. Ok, ich bleib gespannt.
    Hauptsache ich warte nicht jahrelang auf ein Ende. ;)

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    1. Ich kann natürlich nicht jede Woche einen neuen Teil machen. Das würde ja die Spannung nehmen. Außerdem schreibt sich so ein Text zwar schnell, muss aber noch mehrmals überarbeitet und verfeinert werden.

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