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Sonntag, 18. Januar 2015

Vergessen und gegessen


Deutsch

Da ver- und ge- bei­des ge­bräuch­li­che Präfi­xe der deut­schen Spra­che sind, stellt sich die Fra­ge, ob die bei­den Ver­ben ir­gend­wie ver­wandt sind. Al­so, ob z. B. das Grund­wort gessen und das g bei es­sen ir­gend­wann weg­ge­fal­len ist. Die Ant­wort vor­ne­weg: Nein, die bei­den Wörter sind nicht ver­wandt. Das Grund­wort bei ver­ges­sen ist tatsächlich gessen, was im Deut­schen aber nur noch ein Ver­bin­dung mit ver- be­nutzt wird. Im Eng­li­schen hin­ge­gen sind so­wohl to for­get als auch to get und ei­ni­ge an­de­re de­ri­vier­te For­men ge­bräuch­lich. Gessen im Sin­ne von er­hal­ten wur­de bei uns im Mit­tel­hoch­deut­schen je­doch durch be­kom­men er­setzt. Ver­ges­sen verhält sich al­so ganz nor­mal, wor­aus die ei­gent­li­che Fra­ge ent­steht, wo­her denn das zwei­te g im PPP von es­sen kommt. Das Präfix ge- wird im heu­ti­gen Deutsch bei (nicht ganz aus­nahms­los) al­len Ver­ben zur Mar­kie­rung des PPPs ge­nutzt. Das war aber nicht im­mer so. Bei schwa­chen Ver­ben war es unnötig, da sich die PPP-For­men durch den Per­fekt­stamm­vo­kal schon vom Präsens- und Präte­ri­tum­stamm­vo­kal un­ter­schei­den, und wur­de bis zum Be­ginn des Frühneu­hoch­deut­schen auch nicht re­gelmäßig be­nutzt. Zum bes­se­ren Verständ­nis le­se man fol­gen­de Bei­spiel­phra­sen: Ich ha­be fun­den. Du bist gan­gen. Er hat trof­fen. Wir ha­ben trun­ken. Ihr seid wor­den. Sie ha­ben sun­gen. Bei an­de­ren Ver­ben be­nutz­te man ge-, so auch bei es­sen: gees­sen, was dann aber im Lau­fe der Zeit zu gessen verkürzt wur­de: Er hat gessen. Und dann kam ein wich­ti­ges Sprach­wan­del­in­stru­ment zum Ein­satz: Ana­lo­gie­bil­dung. Die deut­schen Spre­cher ver­pass­ten al­len Ver­ben ei­ne ein­heit­li­che Par­ti­zip­bil­dung, in­dem sie das ge- an (fast) al­le For­men dran­kleb­ten, so wie wir sie heu­te ken­nen: ge­fun­den, ge­gan­gen, ge­trof­fen, ge­trun­ken und eben auch ge­ges­sen, was ei­gent­lich dop­pelt ge­mop­pelt ist. (Ana­lo­gi­en sind übri­gens auch im heu­ti­gen Deutsch sehr wich­tig und for­men so­wohl star­ke in schwa­che als auch schwa­che in star­ke Ver­ben um: ba­cken – buk wird zu ba­cken – back­te und win­ken – ge­winkt wird zu win­ken – ge­wun­ken.) Ge­ges­sen ist al­so mor­pho­lo­gisch ge­se­hen kein Wort der deut­schen Spra­che, für das man kei­ne Aus­nah­me­re­ge­lung einführen muss.

Nach­trag: In ei­ni­gen deut­schen Dia­lek­ten wird ge- nicht stan­dardmäßig ver­wen­det; so heißt ge­ges­sen bspw. auf Schwäbisch gessa und auf Itz­gründisch gássn.

Der Bip­pel

Was ist denn ein Bip­pel?, frag­te ich, als ei­ne Freun­din im Ge­spräche eben­die­ses Wort be­nutz­te. Es stell­te sich her­aus, dass drei der An­we­sen­den das Wort kann­ten und zwei nicht. Da es sich nur bei den erst­ge­nann­ten um aus Zen­tral­thürin­gen stam­men­de Per­so­nen han­del­te, kam in mir natürlich so­fort die Ver­mu­tung auf, dass es sich bei Bip­pel um ein Dia­lekt­wort han­de­le. Ein kur­z­er, er­geb­nis­lo­ser Blick in den Du­den bestätig­te das. Al­lein im Wörter­buch der elsässi­schen Mund­ar­ten fand sich in Ein­trag zu Bip­pel, aber in der Be­deu­tung Küken (s. dort Pip­perl), was aber über­haupt nichts mit der Ge­mein­ten Be­deu­tung, nämlich Stöpsel zu tun hat. Schließlich wur­de ich nach ei­ni­gem Su­chen dann doch noch fündig: Bip­pus un­ter Syn­ony­me für Din­gens und (mit bin­nen­deut­scher Kon­so­nan­ten­schwächung) Bib­bus un­ter Sächsisch, Thürin­gisch & Sächsisch-Thürin­gi­scher Dia­lekt. Bip­pel ist dann lo­gi­scher­wei­se der Di­mi­nu­tiv. Wörter, bei de­nen man fra­gen­de Bli­cke ern­tet, hat wohl je­der in sei­nem Re­per­toire. Mir ging es zum Bei­spiel schon öfter bei Ver­ben wie auf­hu­ckeln, knören, schnurp­sen, verschüren oder Sub­stan­ti­ven wie Büff­chen so, die ich bis zu ih­rer Ent­tar­nung als Dia­lektwörter (durch Nichtauf­fin­den im Du­den) stets für stan­dard­sprach­lich hielt. Ein in­ter­essan­te Ef­fekt ist nämlich zu be­ob­ach­ten: Die Aus­spra­che und Schrei­bung der ge­nann­ten Wörter ha­be ich als jen­seits des ost­fränki­schen Dia­lekt­ge­bie­tes Auf­ge­wach­se­ner ein­fach an das Hoch­deut­sche an­ge­passt, im Ori­gi­nal schreibt und spricht man sie nämlich merk­lich an­ders.

Ge­spens­ter vs. Geis­ter

Wo liegt der Un­ter­schied? Das ist jetzt mehr ein phi­lo­so­phi­sches Pro­blem, trotz­dem fra­gen sich das vie­le Men­schen und die­ses Wo­chen­en­de frag­te auch ich mich. Ein biss­chen Her­um­su­chen im In­ter­net ließ mich ei­ne ei­ge­ne De­fi­ni­ti­on fas­sen, die ich so all­ge­mein wie möglich hal­ten woll­te:

  • Geist: ein Mensch oh­ne Körper.
  • Ge­spenst: ein spu­ken­des We­sen.

Der Geist ist zunächst ein­mal das, was man bei je­dem Men­schen erhält, wenn man die körper­li­che Hülle weg­nimmt. Da­zu muss er nicht ein­mal ster­ben. Des­halb kann man auch ei­ne Geis­terer­schei­nung von ei­nem Men­schen ha­ben, der gar nicht tot ist, aber des­sen Körper sich wo­an­ders be­fin­det. Stirbt ein Mensch, so ver­west der Körper und der Geist bleibt übrig. Der Gru­sel­fak­tor kommt dann ins Spiel, wenn Geis­ter her­ums­pu­ken: als Pol­ter­geist, in ei­nem Geis­ter­schloss oder auf ei­nem Geis­ter­schiff.
Ein Ge­spenst (oder auch Phan­tom) hin­ge­gen kann zwar in men­schenähn­li­cher Ge­stalt er­schei­nen, war je­doch nie­mals ein Mensch. Vom Wor­te her ist ein Ge­spenst ein Trug­bild, et­was, das je­man­den weg­lockt (vgl. ab­spens­tig). Eben­so wie Geis­ter können Ge­spens­ter z. B. in Spuk­schlössern ihr Un­we­sen trei­ben.


1 Kommentar:

  1. Anstrengend, die Wörter ohne "ge-" zu lesen, richtig ungewohnt.
    Ich hab mich grad immer wieder aus Versehen verlesen: gefunden, "Ah nein, da steht funden!"; gegangen, "Ach Mensch, da steht gangen." usw. ^^

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