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Sonntag, 19. Oktober 2014

Was ist ein Wort?


Deutsch

Was ist ein Wort? Ein Wort ist ... wie ein Baum. Es mag noch so schmächtig und aus­sa­ge­schwach er­schei­nen und hat den­noch ei­ne so mächti­ge Ge­schich­te; denn ein Wort bleibt nie­mals starr und be­deu­tungs­gleich in der Zeit ste­hen, son­dern verändert sich viel mehr durch die Jahr­hun­der­te hin­weg, al­lein durch klit­ze­klei­ne Be­we­gungs­un­ter­schie­de tau­sen­der mensch­li­cher Zun­gen. Tagtäglich ge­hen unzähl­ba­re Wörter über Lip­pen – schwe­ben vom Mun­de hin­ein in das Ohr oder von der Zei­tung ins Au­ge und ver­blas­sen mit der Ver­ar­bei­tung durch das Ge­hirn in einen Ge­dan­ken. Manch­mal sind es auch Wor­te. Gan­ze Absätze, Sei­ten, Bände, Rei­hen las­sen den Glanz des ein­zel­nen Wor­tes wie einen Trop­fen in ei­nem Meer aus nach kom­ple­xen und doch so ein­fa­chen Re­geln zu­sam­men­gefügten Buch­sta­ben bzw. Lau­ten un­ter­ge­hen. Da­bei kann ein Blick auf das ein­zel­ne Wort kei­nen ge­rin­ge­ren Scha­den an­rich­ten, als dass man er­kennt, wel­che Kraft in die­sem Bau­me steckt, von dem man nur sieht, was über der Erd­ober­fläche steht, aber des­sen ge­wal­ti­ges Wur­zel­werk schon vor Ur­zei­ten zu wu­chern be­gann und den sicht­ba­ren Teil ir­gend­wann auch Teil die­ses Wer­kes sein las­sen wird. Viel­leicht wünscht sich der Le­ser, dass der Au­tor an die­ser Stel­le ein biss­chen kon­kre­ter wer­de. Al­so neh­men wir an, dass der in­do­ger­ma­ni­sche Bau­er – der natürlich ge­nau­so we­nig exis­tie­ren kann wie ein rit­ter­li­cher Raum­fah­rer – ei­nes Ta­ges auf­wach­te und je­man­den ne­ben sich lie­gen fand, bei dem es sich nicht um die Bäue­rin han­del­te und der ver­schwin­den muss­te, ehe eben die­se nach Hau­se ge­kom­men wäre. Er ver­sucht, der Per­son durch wil­de Ges­ten klarzu­ma­chen, dass sie ge­hen soll, aber ern­tet nur ein fra­gen­des Ge­sicht. Schließlich sagt er: „Ǵʰēh₁!“ Und die­ser Aus­ruf ver­leiht dem Höhlen­be­woh­ner auch den Ti­tel Bau­er, denn er säte ge­ra­de ein Sa­men­korn ... und das mit ei­ner ei­ner­seits so lau­ten und an­de­rer­seits so ein­prägsa­men Stim­me, dass die an­de­re Per­son die Höhle, das Dorf verlässt. Das neue Wort mach­te die Run­de und während ei­ne lan­ge Fol­ge von Ge­ne­ra­tio­nen später die Nach­fah­ren des einen je­man­den mit „gai!“ zum Ver­las­sen auf­for­dern, tun es die Nach­fah­ren des an­de­ren mit „i!“ Die Zei­ten ver­ge­hen, aus ver­ein­zel­ten Wort­bau­ern sind gan­ze Wort­fa­bri­ken ge­wor­den, die em­sig vor sich hin pro­du­zie­ren. Zu je­dem Wort kom­men ständig neue Ver­sio­nen und Up­gra­des auf den Markt und in Ge­brauch und ver­schwin­den eben­so schnell wie­der un­ter der Er­de. An je­der neu­en Wort­form wird ei­genständig wei­ter­ge­ar­bei­tet und so ver­zwei­gen sich die Nach­kom­men von nur ei­nem ein­zi­gen Wor­te zu ei­nem rie­si­gen Ge­flech­te, de­ren sicht­ba­re Tei­le, d. h. Bäume, an man­chen Stel­len aus der Er­de ra­gen – manch­mal so weit von­ein­an­der ent­fernt, dass man ih­nen die Ver­wandt­schaft kaum noch an­sieht. So ruft man heu­te, vie­le, vie­le Jah­re später, auf ei­ner In­sel „go!“ und hier­zu­lan­de „geh!“ Man­che die­ser Bäume sind selbst an der Ober­fläche noch ver­floch­ten und ha­ben meh­re­re Stämme, die aus der­sel­ben Wur­zel em­por­schießen ... – Der Lin­guist macht einen Spa­zier­gang und setzt sich zum Aus­ru­hen un­ter ei­nem dreistämmi­gen Bau­me auf ei­ne Holz­bank. Er weiß, wel­ches Aus­maß das Wur­zel­werk un­ter sei­nen Füßen fasst. Er legt mit sei­nem Hand­spa­ten einen Teil der Wur­zel frei und fin­det ih­ren Na­men „geh“. Jetzt schaut er ehrfürch­tig zu den drei Stämmen em­por, de­ren Na­men er nun kennt. Sie lau­ten nämlich „geh“, „ging“ und „gang“. Sein eng­li­scher Kol­le­ge mit dem Zy­lin­der kommt vor­bei und bie­tet einen Schluck Tee, denn es ist fünf Uhr, aus sei­ner Ther­mo­s­kan­ne an. Auch er be­trach­tet den Baum und sagt schließlich: „‚go‘, ‚went‘, ‚go­ne‘.“ Sie set­zen sich auf die Bank und plau­dern. Der Deut­sche deu­tet auf ein Blatt an ei­nem ge­beug­ten Ast, wel­ches mit „-t“ be­schrif­tet ist, dann auf einen Passan­ten, der vor­bei geht. Der Engländer nickt und zieht ein Be­stim­mungs­buch aus der Ta­sche. Er blättert ein we­nig und tippt mit dem Zei­ge­fin­ger schließlich auf die Ab­bil­dung ei­nes Blat­tes wie es an ei­nem of­fen­sicht­lich ver­wand­ten Baum in sei­ner Hei­mat zu fin­den ist: „-es“. Dann bricht die Dämme­rung an, die Kol­le­gen ver­ab­schie­den sich und ge­hen wie­der ih­re ei­ge­nen We­ge. Während der Engländer im Ho­tel nur auf Deutsch be­dient wird, was für ihn ein ab­so­lu­tes „No-go“ ist, ver­bringt der Deut­sche den Rest des Ta­ges da­mit, fremd­zu­ge­hen, al­so sei­ne Frau zu hin­ter­ge­hen – ein wirk­lich schwe­res Ver­ge­hen –, wel­che ih­rer­seits anfängt, dem Grun­de des lan­gen Aus­gan­ges ih­res Man­nes nach­zu­ge­hen, in ih­rem Um­her­gang am Hau­se ih­rer Schwes­ter vor­bei­geht, sel­bi­ges be­geht und ihr bald dar­auf ein Licht auf­geht, nämlich als die Geräusche aus dem Schlaf­zim­mer auf sie ein­ge­hen, will sie si­cher­ge­hen, dass es wirk­lich ihr Mann ist, der es sich bei ih­rer Schwes­ter gut­ge­hen lässt – bei ei­nem Fehl­ge­hen könn­te die gan­ze Sa­che schief­ge­hen und ih­re Schwes­ter an­sch­ließend auf sie los­ge­hen –, doch als sie sieht, wie die bei­den im Bet­te ab­ge­hen, war sie so­fort am Hoch­ge­hen und sie wa­ren am Ent­zwei­ge­hen, aber es soll­te trotz­dem rund­ge­hen und die Ehe war natürlich auch im Nie­der­gang – auch das Nie­der­ge­hen auf die Knie sei­tens des Man­nes konn­te der Sa­che nicht zum Glatt­ge­hen ver­hel­fen –, was al­les ein sehr na­he­ge­hen­des Er­ge­hen für ihn war, zu­mal er nun al­lein durchs Le­ben ge­hen durf­te, was das En­de des Müßig­gangs für ihn war. Dann kauf­te er sich einen Hund, und nach­dem er anfäng­lich kei­ne Ah­nung hat­te, wie man mit solch ei­nem Tie­re um­zu­ge­hen ha­be, soll­te es ihm schon bald beim Gas­si­ge­hen bes­ser­ge­hen. EN­DE (In ste­tig stei­gen­der Müdig­keit ge­schrie­ben.)

Was ist ein Wort? Ein Wort ist ... wie ein Baum. Es mag noch so schmächt-ig und aus-sag-e-schwach er-schein-en und hat den-noch ein-e so mächt-ig-e Ge-schicht-e; denn ein Wort bleib-t nie-mal-s starr und be-deut-ung-s-gleich in der Zeit steh-en, sonder-n ver-änd-er-t sich viel mehr durch die Jahr-hundert-e hin-weg, all-ein durch klitz-e-klein-e Be-weg-ung-s-unter-schied-e tausend-er mensch-lich-er Zung-en. Tag-täg-lich geh-en un-zähl-bar-e Wört-er über Lipp-en – schweb-en vom Mund-e hin-ein in das Ohr oder von der Zeit-ung in-s Aug-e und ver-blass-en mit der Ver-arbeit-ung durch das Ge-hirn in ein-en Ge-dank-en. Manch-mal sind es auch Wort-e. Ganz-e Ab-sätz-e, Seit-en, Bänd-e, Reih-en lass-en den Glanz des einzel-nen Wort-es wie ein-en Tropf-en in ein-em Meer aus nach kom-plex-en und doch so ein-fach-en Reg-el-n zu-sammen-ge-füg-t-en Buch-stab-en bzw. Laut-en unter-geh-en. Da-bei kann ein Blick auf das einzel-ne Wort kein-en ge-ring-er-en Schad-en an-richt-en, als dass man er-kenn-t, welch-e Kraft in dies-em Baum-e steck-t, von dem man nur sieh-t, was über der Erd-ober-fläch-e steh-t, aber dessen ge-walt-ig-es Wurz-el-werk schon vor Ur-zeit-en zu wuch-er-n be-gann und den sicht-bar-en Teil irgend-wann auch Teil dies-es Werk-es sein lassen wir-d. Viel-leicht wünsch-t sich der Les-er, dass der Autor an dies-er Stell-e ein biss-chen kon-kret-er werd-e. Also nehm-en wir an, dass der indo-german-isch-e Bau-er – der natür-lich ge-nau-so wen-ig exist-ier-en kann wie ein ritt-er-lich-er Raum-fahr-er – ein-es Tag-es auf-wach-te und je-mand-en neben sich lieg-en fand, bei dem es sich nicht um die Bäu-er-in hand-el-te und der ver-schwind-en muss-te, eh-e eben dies-e nach Haus-e ge-komm-en wär-e. Er ver-such-t, der Person durch wild-e Gest-en klar-zu-mach-en, dass sie geh-en soll, aber ernt-et nur ein frag-end-es Ge-sicht. Schließ-lich sag-t er: „Ǵʰēh₁!“ Und dies-er Aus-ruf ver-leih-t dem Höhl-en-be-wohn-er auch den Tit-el Bau-er, denn er sä-te gerad-e ein Same-n-korn ... und das mit ein-er ein-er-seit-s so laut-en und ander-er-seit-s so ein-präg-sam-en Stimm-e, dass die ander-e Person die Höhl-e, das Dorf ver-läss-t. Das neu-e Wort macht-e die Rund-e und währ-end ein-e lang-e Folg-e von Gen-erat-ion-en spät-er die Nach-fahr-en des ein-en je-mand-en mit „gai!“ zu-m Ver-lass-en auf-ford-er-n, tun es die Nach-fahr-en des ander-en mit „i!“ Die Zeit-en ver-geh-en, aus ver-einzel-t-en Wort-bau-er-n sind ganz-e Wort-fabrik-en ge-word-en, die ems-ig vor sich hin pro-duz-ier-en. Zu jed-em Wort komm-en ständ-ig neu-e Vers-ion-en und Up-grade-s auf den Markt und in Ge-brauch und ver-schwind-en eben-so schnell wieder unter der Erd-e. An jed-er neu-en Wort-form wir-d eigen-ständ-ig weit-er-ge-arbeit-et und so ver-zweig-en sich die Nach-komm-en von nur ein-em einz-ig-en Wort-e zu ein-em ries-ig-en Ge-flecht-e, der-en sicht-bar-e Teil-e, d. h. Bäum-e, an manch-en Stell-en aus der Erd-e rag-en – manch-mal so weit von-ein-ander ent-fern-t, dass man ihn-en die Ver-wandt-schaft kaum noch an-sieh-t. So ruf-t man heut-e, viel-e, viel-e Jahr-e spät-er, auf ein-er Ins-el „go!“ und hier-zu-land-e „geh!“ Manch-e dies-er Bäum-e sind selb-st an der Ober-fläch-e noch ver-flocht-en und hab-en mehr-er-e Stämm-e, die aus der-selb-en Wurz-el empor-schieß-en ... – Der Lingu-ist mach-t ein-en Spaz-ier-gang und setz-t sich zu-m Aus-ruh-en unter ein-em drei-stämm-ig-en Baum-e auf ein-e Holz-bank. Er weiß, welch-es Aus-maß das Wurz-el-werk unter sein-en Füß-en fass-t. Er leg-t mit sein-em Hand-spat-en ein-en Teil der Wurz-el frei und find-et ihr-en Nam-en „geh“. Jetzt schau-t er ehr-fürcht-ig zu den drei Stämm-en empor, der-en Nam-en er nun kenn-t. Sie laut-en näm-lich „geh“, „ging“ und „gang“. Sein engl-isch-er Kol-leg-e mit dem Zylind-er komm-t vor-bei und biet-et ein-en Schluck Tee, denn es ist fünf Uhr, aus sein-er Therm-os-kann-e an. Auch er be-tracht-et den Baum und sag-t schließ-lich: „‚go‘, ‚went‘, ‚gone‘.“ Sie setz-en sich auf die Bank und plaud-er-n. Der Deutsch-e deut-et auf ein Blatt an ein-em ge-beug-t-en Ast, welch-es mit „-t“ be-schrift-et ist, dann auf ein-en Pass-ant-en, der vor-bei geh-t. Der Eng-länd-er nick-t und zieh-t ein Be-stimm-ung-s-buch aus der Tasch-e. Er blätt-er-t ein wen-ig und tipp-t mit dem Zeig-e-fing-er schließ-lich auf die Ab-bild-ung ein-es Blatt-es wie es an ein-em offen-sicht-lich ver-wandt-en Baum in sein-er Heim-at zu find-en ist: „-es“. Dann brich-t die Dämm-er-ung an, die Kol-leg-en ver-ab-schied-en sich und geh-en wieder ihr-e eigen-en Weg-e. Währ-end der Eng-länd-er im Hot-el nur auf Deutsch be-dien-t wir-d, was für ihn ein absolut-es „No-go“ ist, ver-bring-t der Deutsch-e den Rest des Tag-es da-mit, fremd-zu-geh-en, also sein-e Frau zu hinter-geh-en – ein wirk-lich schwer-es Ver-geh-en –, welch-e ihr-er-seit-s an-fäng-t, dem Grund-e des lang-en Aus-gang-es ihr-es Mann-es nach-zu-geh-en, in ihr-em Um-her-gang am Haus-e ihr-er Schwester vor-bei-geh-t, selb-ig-es be-geh-t und ihr bald da-rauf ein Licht auf-geh-t, näm-lich als die Ge-räusch-e aus dem Schlaf-zimmer auf sie ein-geh-en, will sie sicher-gehen, dass es wirk-lich ihr Mann ist, der es sich bei ihr-er Schwester gut-geh-en läss-t – bei ein-em Fehl-geh-en könn-te die ganz-e Sach-e schief-geh-en und ihr-e Schwester an-schließ-end auf sie los-geh-en –, doch als sie sieh-t, wie die beid-en im Bett-e ab-geh-en, war sie so-fort am Hoch-geh-en und sie war-en am Ent-zwei-geh-en, aber es soll-te trotz-dem rund-geh-en und die Ehe war natür-lich auch im Nieder-gang – auch das Nieder-geh-en auf die Knie seit-en-s des Mann-es konn-te der Sach-e nicht zu-m Glatt-geh-en ver-helf-en –, was all-es ein sehr nah-e-geh-end-es Er-geh-en für ihn war, zu-mal er nun all-ein durch-s Leb-en geh-en durf-te, was das End-e des Müß-ig-gang-s für ihn war. Dann kauf-te er sich ein-en Hund, und nach-dem er an-fäng-lich kein-e Ahn-ung hatt-e, wie man mit solch ein-em Tier-e um-zu-geh-en hab-e, soll-te es ihm schon bald bei-m Gass-i-geh-en besser-geh-en. END-E (In stet-ig steig-end-er Müd-ig-keit ge-schrieb-en.)

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